Trick 17

Würde ich es sauber machen, wenn es in Scheiße gefallen wäre?


Ich habe einen neuen Trick entdeckt.

Und ich sage gleich vorweg: Er ist nicht besonders elegant.

Aber er funktioniert.

Wenn ich beim Aussortieren wieder vor einem Gegenstand sitze und mein Kopf anfängt zu rattern – „Aber vielleicht brauche ich ihn irgendwann noch … eigentlich ist er doch schön … den habe ich schon so lange … irgendwie hängt da ja eine Erinnerung dran …“ – stelle ich mir neuerdings nur noch eine Frage:

Würde ich es sauber machen, wenn es in Scheiße gefallen wäre?

LACH.

Klingt bescheuert. Ist aber erstaunlich effektiv.

Denn plötzlich ist da keine Diskussion mehr. Kein „Vielleicht“. Kein „Eigentlich“. Keine jahrzehntelange emotionale Verhandlung mit mir selbst.

Nur noch:

Würde ich dieses Ding retten wollen?

Und genau das ist ja eigentlich die entscheidende Frage.


Der Kaiser und seine neuen Kleider

Ein ziemlich perfektes Beispiel dafür sind zwei Bildbände über
„Des Kaisers neue Kleider“,
die seit Jahren bei mir herumstehen.

Ich bin gelernte Damenschneiderin. Das war damals meine Ausbildung, bevor ich Modedesign studiert habe. Vielleicht fanden die Menschen deshalb irgendwann, dass ich unbedingt alles haben müsse, was auch nur entfernt mit Mode, Kleidung oder Design zu tun hat.

Jedenfalls bekam ich über die Jahre immer wieder solche Sachen geschenkt.

Einer dieser Bildbände ist allerdings etwas ganz Besonderes.

Er wurde von Karl Lagerfeld gezeichnet.

Und dieses Buch liebe ich wirklich.


Warum?

Weil es mein Herz erfüllt.

In der Vorweihnachtszeit war es Tradition, mit meinem Tantchen den Steeler Weihnachtsmarkt zu besuchen. Ich lebte damals schon in Frankfurt, und so war dieser Markt für mich immer auch ein kleines Stück Heimat. Wärme, Vorfreude, Lachen, Glühwein, Reibekuchen und dieser ganz besondere Weihnachtszauber.

Weihnachten ist für mich eine kleine Religion. Vielleicht, weil ich am 24. Dezember Geburtstag habe. Ich liebe diese Zeit einfach, wenn alles ein bisschen magischer wird.

Wie bei der Zuckerwatte: Da liegt ein ganz gewöhnlicher Haufen Zucker – und plötzlich wird daraus eine federleichte, fluffige Wolke.

In Steele gab es damals einen tollen Stand mit alten Büchern, direkt neben einer Krippe mit Esel und allem Drum und Dran. Und diesen riesigen runden Glühweinstand, der eher wie eine Bar aussah.


Wenn ich an dieses Buch denke, ist sofort alles wieder da.

Der Weihnachtsmarkt.

Steele.

Meine Tante Ulla.

Die alten Bücher.

Der Geruch.

Der Glühwein.

Meine Freude über diesen Fund.

Und natürlich meine Begeisterung für Karl Lagerfeld und die Zeichnungen.

Ich bin außerdem eine kleine Leseratte.

Ihr seht schon: Dieses Buch ist längst nicht mehr einfach nur ein Buch.

Es ist eine Erinnerung.

Es ist ein Stück von mir.

Und wenn es morgen in etwas wirklich Ekliges fallen würde, würde ich vermutlich mit Handschuhen, Desinfektionsmittel und einer Zahnbürste daneben sitzen und versuchen, es zu retten.

Dieses Buch würde ich sauber machen.

Jederzeit.

Es ist unersetzlich für mich.


Und dann ist da das andere Buch …

Das zweite Buch über den gleichen Märchenklassiker steht seit Jahren daneben.

Und ganz ehrlich?

Keine Ahnung, woher ich es überhaupt habe.

Ich finde die Zeichnungen nicht einmal besonders schön. Ich habe keine besondere Erinnerung daran. Kein Weihnachtsmarkt. Keine Tante. Kein besonderer Moment.

Es ist einfach … da.

Seit Jahren.

Und trotzdem habe ich es immer wieder behalten.

Warum eigentlich?

Genau hier hilft mir meine neue Frage:

Würde ich es sauber machen, wenn es in Scheiße gefallen wäre?

Nein.

Nicht im Ansatz.

Ich würde wahrscheinlich denken:

Ach. Schade.

Und dann wäre es vorbei.


Und plötzlich ist die Entscheidung glasklar.

Das zweite Buch darf gehen.

Und das Verrückte daran ist: Dadurch wird das erste Buch sogar noch wertvoller.

Denn wenn ich Dinge nur deshalb behalte, weil sie irgendwie ähnlich sind, stehen sie sich irgendwann gegenseitig im Weg.

Das eine ist mein Herzensstück.

Das andere ist einfach nur sein Nachbar.

Und vielleicht ist genau das ein Teil vom Loslassen:

Nicht alles, was lange bei uns ist, muss auch bleiben.

Manche Dinge haben eine Geschichte.

Manche Dinge sind längst Geschichte.

Und manche Dinge stehen einfach nur seit zehn Jahren im Regal und warten darauf, dass wir endlich ehrlich mit ihnen sind.

Also werde ich mir diese Frage ab jetzt öfter stellen.

Wenn mein Kopf wieder anfängt, eine dreistündige Verteidigungsrede für irgendeinen Gegenstand zu halten, frage ich nur:

„Würde ich es sauber machen, wenn es in Scheiße gefallen wäre?“

Wenn die Antwort nein ist, darf es gehen.

So einfach kann Minimalismus manchmal sein.

Und erstaunlicherweise braucht man dafür weder eine Aufräummethode noch eine Aufbewahrungsbox.

Nur ein bisschen Ehrlichkeit.

Und eine ziemlich "dreckige" Fantasie.